Prof. Dr. Norbert Berthold – Teil 2: „Der Fußball muss immer spannender werden“

Im ersten Teil des Interviews mit Prof. Norbert Berthold standen die Auswirkungen des Bosman-Urteils auf den Erfolg von Nationalmannschaften und internationalen Top-Clubs im Mittelpunkt. Heute richtet sich der Blick auf die Übernahme von Traditionsclubs durch Unternehmen, verrückt gewordene Funktionäre und das große Leiden der verbliebenen Fußballromantiker.

schwatzgelb.de: Im Namen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit werden den Fans Opfer abverlangt, die sie nicht immer bringen möchten. Ein unschöner Höhepunkt war die Übernahme Austria Salzburgs durch Red Bull – mit einem Handstrich wurden die Vereinsfarben durch Firmeninsignien ersetzt, die Vereinsgründung auf 2005 umdatiert und widerstrebende Fans vor die Tür gesetzt. Müssen wir uns an diese Entwicklung gewöhnen?

Berthold: Diese Ereignisse sind Tatsachen, die man nicht bestreiten kann – ob sie die Regel sind oder sein werden, wage ich aber in starkem Maße zu bezweifeln. Ich betrachte diese Situation einmal ganz nüchtern und fernab von der emotionalen, moralischen oder romantischen Schiene: Wer in einen Fußballverein investiert, will sportlichen Erfolg haben und – sofern er nicht von Sinnen ist – eine vernünftige Rendite erwirtschaften. Da kein Unternehmen Erfolg gegen seine Nachfrager haben kann, kommt den Fans eine zentrale Rolle zu – sie alleine können das Unternehmen zu einer Neuausrichtung zwingen, indem sie das Produkt nicht mehr kaufen. Ich habe zwar keine Zahlen, kann mir aber vorstellen, dass Red Bull aus betriebswirtschaftlicher Sicht einen Fehler begangen hat.

Aus diesen Fehlern scheint man in Hoffenheim und Leipzig gelernt zu haben. Statt sich direkt mit den Fans der Traditionsvereine anzulegen, wurden unbekannte Clubs aus dem Fußballniemandsland ausgewählt. Zumindest dort konnte man erst mal keinem auf die Füße treten.

Wieder einmal haben wir es mit einem typisch ökonomischen Problem zu tun: Sobald Sie etwas regulieren, wird es Akteure geben, die die gesetzten Regeln umgehen wollen. Ohne die 50+1-Regel müssten wir uns gar nicht über Konstrukte wie Hoffenheim oder RB Leipzig unterhalten – diese Vorgänge wären in vielen Vereinen normal und das ganze Tohuwabohu wäre nicht vorhanden. Lassen Sie mich auch diesen Aspekt einmal nüchtern betrachten: Die Fans wollen, dass ihre Vereine national und international Erfolg haben. Dieser Erfolg ist teuer, da Geld über einen mittel- bis langfristigen Zeitraum eben doch Tore schießt. Für die Vereine stellt sich da genauso wie für Unternehmen aus anderen Sektoren die Frage, wie man möglichst günstig an Kapital kommt – es wird fast zwangsläufig passieren, dass die 50+1-Regel geändert werden muss und geändert werden wird. Ihre Abschaffung muss nicht einmal gegen die Interessen der Fans gerichtet sein: Sportlicher Erfolg setzt zumindest teilweise finanziellen Erfolg voraus, der sich nur einstellen kann, wenn die Fans das Produkt nachfragen.

Vor wenigen Tagen antwortete Uli Hoeneß auf den neuesten Vorstoß des Hannover-96-Präsidenten Martin Kind, die Abschaffung der 50+1-Regel mache aus Hannover 96 auch keine bessere Marke.

Uli Hoeneß ist ein guter Manager, seine Meinungen sind aber oft volatiler als die Börsenkurse – was er heute sagt, kann morgen schon nicht mehr von Belang sein. Wenn Bayern über Jahre hinweg nicht entsprechend gewirtschaftet und viel Geld von außen bekommen hätte, würden Spieler wie Toni und Ribery heute nicht in München spielen. Die Aussage, Hannover würde mit mehr Geld auf keinen grünen Zweig kommen, halte ich schlichtweg für falsch – Bayern hat es doch vorgemacht!

Haben Vereinsfunktionäre nicht eine völlig falsche Vorstellung davon, wie viel ihnen eine Unternehmensbeteiligung bringen könnte?

Zumindest eines ist klar: Das Ende der 50+1-Regel würde die heutigen Strukturen völlig auf den Kopf stellen. Viele von denen, die heute was zu sagen haben, würden später nicht mehr mit am Tisch sitzen – die Funktionäre müssten verrückt sein, wenn sie diesen Status Quo aufgeben würden, von dem sie selbst am meisten profitieren. Die gegenwärtigen Bestrebungen resultieren aber weniger aus dem freien Willen der Funktionäre, als aus dem steigenden Wettbewerbsdruck. Die Premier League hat es vorgemacht und zwingt andere Ligen zu diesen Schritten, selbst wenn sie diese aus eigener Kraft gar nicht gehen wollten.

Jetzt könnte man einwenden, dass die großen Vereine weiterhin mehr Geld bekämen als die kleinen und doch alles beim Alten bliebe – bis auf den Unterschied, dass jeder ein mittelgroßes bis riesiges Opfer bringen müsste.

Es ist richtig, dass die Top-Clubs weiterhin mehr Geld bekommen werden als die Abstiegskandidaten, aber trotzdem nur die halbe Wahrheit. Denken Sie an die Frage zurück, ob das Bosman-Urteil zu einer Qualitätserhöhung der Spieler und Mannschaften beigetragen hat – alle beteiligten Ligen und Nationalmannschaften haben profitiert, wenn auch nicht gleich stark. Bezogen auf die Wohlfahrtswirkung ist es völlig egal, ob ich den Arbeitsmarkt, den Kapitalmarkt oder den Gütermarkt öffne – alle drei Öffnungsvorgänge sind bezogen auf die Allokation der Ressourcen positiv. Sie haben zwar eine unterschiedliche Verteilungswirkung, ein Nullsummenspiel müssen Sie aber auf keinen Fall befürchten.

Sie vertreten die Auffassung, dass sich Fußballvereine – zum Beispiel im Rahmen einer Europaliga – zunehmend in Richtung der Fernsehunterhaltungsindustrie bewegen werden. Bekommt der Fußball nicht langfristig das Problem, ein substituierbares Gut zu werden? Immerhin kann ich dann genauso gut ins Kino gehen oder meine Freundin zum Essen einladen.

Dieses Problem sehe ich genauso. Ich teile Ihre Skepsis allerdings noch aus einem weiteren Grund: Wenn man möglichst viele Nachfrager haben will, muss diese Nachfrage regional entstehen und wachsen – es bringt nichts, wenn Sie in Passau im Sessel sitzen und die Spiele in Hamburg stattfinden. Bewegt sich der Fußball nun in Richtung TV-Unterhaltung, werden bestimmte Regionen faktisch von der Teilhabe ausgeschlossen. Eine Europaliga würde dazu führen, dass hochklassiger Fußball in ganzen Regionen nicht mehr physisch stattfinden könnte. Veröden jedoch ganze Landstriche, zerfällt die Basis des Fußballs und damit der Nachfrager.

Haben Vereine und Verbände diese Gefahr erkannt?

Ich glaube nicht, dass die etablierten Vereine in Deutschland dieses Problem erkannt haben. Die kommen alle aus Zentren, in denen Fußball geballt stattfindet – selbst Hoffenheim hat mit Frankfurt, Karlsruhe, Mannheim und Stuttgart ein sehr großes Einzugsgebiet. Doch wird sich der FC Bayern mit den Fragen auseinandersetzen, was gerade in Dresden passiert oder ob Rostock den Aufstieg schafft? Die beschäftigen sich lieber mit Gegnern wie Chelsea oder Lyon, als sich Gedanken über ihre regionale Verwurzelung zu machen. Dabei ist es kein Zufall, dass auch im Fußball regionale Konzentrationen stattfinden.

Dennoch beschweren sich die Fans über fehlende Spannung. War es vor zehn Jahren noch der Höhepunkt eines Fanlebens, einmal Manchester, Mailand oder Madrid gesehen zu haben, spielen diese Clubs heute im Zweiwochenrhythmus gegeneinander – und wenn nicht diese Saison, dann aber ganz sicher wieder in der nächsten. Immer öfter muss die UEFA mit Modifikationen nachhelfen, um das fehlende Kribbeln zurück zu gewinnen.

Der Fußball ist im Gegensatz zu den 1980-er oder 1990-er Jahren nur noch ein Produkt unter vielen. Er steht in viel stärkerer Konkurrenz zu anderen Produkten, welche die Nachfrager nachfragen können und auch nachfragen wollen. Wenn die Nachfrage weiter anhalten soll, entsteht für den Fußball der Druck, jedes Jahr besser und attraktiver zu werden und ständig neue und immer spannendere Ereignisse zu produzieren. Diese neuen Spannungselemente können auf Dauer nur erreicht werden, wenn man auf neue Ebenen geht. Heute kann man sich kaum noch vorstellen, dass früher Spiele auf lokaler Ebene die Zuschauer elektrisiert haben – in Zukunft wird man sich vielleicht gar nicht mehr vorstellen können, dass Spiele wie Dortmund gegen Schalke mal jemanden interessiert haben.

Ist die Luft raus aus der Bundesliga?

Sagen wir es mal so: Ein Teil der Fußballromantik ist verschwunden und einer nüchternen Betrachtungsweise gewichen. Die Fans rennen den Vereinen nicht mehr die Türen ein, sondern wägen kritisch ab – das Angebot ist so groß geworden, dass sie nicht mehr jeden Blödsinn mitmachen müssen. Dafür haben andere Variablen in den Präferenzfunktionen zu sehr an Gewicht gewonnen.

Widmen wir uns gegen Ende wieder einem Kernpunkt der Volkswirtschaft, der Gegenüberstellung von Gewinnern und Verlieren von Umverteilungsmaßnahmen. Wer hätte den größten Nutzen und wer das Nachsehen, wenn man …

… die Zentralvermarktung abschaffen würde?

Zunächst einmal könnte man vermuten, es würde sich der klassische Zielkonflikt zwischen Allokation und Verteilung einstellen: Die Einnahmen der gesamten Liga würden sich erhöhen, die Qualität der Liga und ihrer Vereine zunehmen – gewinnen würden die ohnehin reichen Vereine, verlieren die armen. Bei genauer Betrachtung glaube ich aber nicht, dass diese Entwicklung in ihrer schwarz-weiß-Form eintreten würde: Der Erfolg der Einzelvermarktung hängt entscheidend von der Fähigkeit des Managements ab, vorhandenes Potenzial zu nutzen – während das Kartell der Zentralvermarktung keine Anreize zum Beschreiten neuer Wege schafft, entstehen Innovationen immer dann, wenn möglichst viele unterschiedliche Wege eingeschlagen werden und kleine Akteure die Trägheit der großen ausnutzen. Lässt sich die Erfahrung der Globalisierung, dass arme Länder relativ gesehen zu den reichen viel stärker gewinnen, auf den Fußball übertragen, könnten sich komplett neue Verhältnisse einstellen und die armen Vereine möglicherweise stärker profitieren als die reichen.

… die 50+1-Regel außer Kraft setzen würde?

Wie schon bei der Zentralvermarktung würden Liga und Vereine absolut gewinnen, während es relativ gesehen zu Ungleichverteilungen kommen würde. Absolute Verlierer wären, wenn überhaupt, die Fußballromantiker.

… Gehaltsobergrenzen für die Spieler einführen würde?

Die Vereine müssen den Spielern weniger Gehalt zahlen, als diese möglicherweise am Markt durchsetzen könnten – in den amerikanischen Major Leagues sieht man sehr schön, dass die Clubbesitzer Gehaltsobergrenzen einsetzen, um ihren Anteil am Kuchen zu vergrößern. Außerdem werden die Starspieler durch Handgelder und Seitenzahlungen auch weiterhin deutlich mehr verdienen, während der Spielraum für mittelmäßige und schlechtere Spieler bei fixer Gehaltsobergrenze kleiner wird. Ökonomisch gesprochen haben wir es mit zwei perversen Umverteilungseffekten zu tun: einmal von Arbeitnehmern zu Kapitaleignern und einmal von geringqualifizierten zu hochqualifizierten Arbeitnehmern. Das ist das genaue Gegenteil dessen, was man mit Gehaltsobergrenzen eigentlich erreichen will! Dazu kommt das Problem, dass bei Teamsportarten alle Arbeitnehmer bei der Erstellung des Produktes mitwirken müssen: Haben die benachteiligten Wasserträger keine Lust mehr, können die Starspieler die für das Produkt notwendige Qualität nicht mehr erreichen.

… eine Europaliga oberhalb der Bundesliga einführen würde?

Sollte es eine solche Liga geben, wären die Verlierer vor allem diejenigen, die nicht mit von der Partie wären – die attraktiven Clubs würden nicht mehr auf nationaler Ebene spielen und die Bundesliga würde deutlich verlieren. Das Gefälle zwischen den Clubs, die heute in der Champions League spielen und denen, die nicht in der Champions League spielen, würde noch einmal drastisch zunehmen.

Angenommen, Reinhard Rauball würde Sie nach diesem Interview anrufen und um Rat fragen, wie sich die DFL zukünftig positionieren solle – welche Empfehlung würden Sie ihm geben?

Die Bundesliga lebt vom erfolgreichen Abschneiden ihrer Vereine auf internationaler Ebene. Man muss also etwas unternehmen, um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Das bedeutet, dass auf der Einnahmeseite der Übergang von Zentralvermarktung zu Einzelvermarktung und auf der Kapitalseite das Ende der 50+1-Regel angestrebt werden müssten. Zudem müsste viel stärker auf die europaweite Öffnung der Absatzmärkte gedrängt werden, was durch einen Ausbau der Champions League oder eine Europaliga erreicht werden könnte. Sinnvoll ist das alles aber nur, wenn die Fans als Nachfrager diese Entwicklung auch wünschen. Auf der anderen Seite stehen all diese Reformen in völligem Gegensatz zu dem, was wir unter Solidarität verstehen: Wir verbessern die Allokation und steigern die Gesamtwohlfahrt, vernachlässigen aber den Aspekt der Verteilung. Man wird nicht umhin kommen, einen Mittelweg zu finden und eben diesen Verteilungsaspekten Rechnung zu tragen. Letztlich wird man das Verhältnis zwischen Wettbewerbsfähigkeit und Solidarität etwas anders als bisher austarieren, irgendeine Form des Finanzausgleichs aber beibehalten müssen.

 

Prof. Dr. Norbert Berthold:

Nach seinem VWL-Studium in Freiburg promovierte und habilitierte Berthold an der Universität Münster. Der ersten Professur an der Universität Hamburg folgte ein Ruf an die Universität Würzburg, an der er seit 1990 den Lehrstuhl für VWL, insbesondere Wirtschaftsordnung und Sozialpoltik, inne hat. Seit 1995 ist Berthold Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie, 2002 erhielt er den Ludwig-Ehrhard-Preis für Wirtschaftspublizistik. Zahlreiche Veröffentlichungen aus Tageszeitungen (u.a. FAZ, SZ, Die Welt) sowie wirtschaftswissenschaftliche Beiträge zum Thema Fußball können auf der Homepage des Lehrstuhls sowie bei den Blogs Wirtschaftliche Freiheit und Fußballökonomie Aktuell nachgelesen werden.

Erschienen am 2.9.2009 bei schwatzgelb.de

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