Thomas Treß – Teil 1: “Einzelne Clubs über die Maßen mit Geld zu versorgen, wird langfristig nicht funktionieren”

Seit 2006 verantwortet Thomas Treß die Bereiche Finanzen und Organisation bei Borussia Dortmund, gemeinsam mit Hans-Joachim Watzke trägt er entscheidenden Anteil an der Restrukturierung und gelungenen Neuausrichtung des Vereins. Im Interview blickt Treß auf bewegte Jahre zurück und erklärt, welche Reformen notwendig sind, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Bundesliga weiter zu stärken.

Herr Treß, Sie sind als Geschäftsführer bei Borussia Dortmund zuständig für Finanzen und Organisation, neudeutsch auch CFO genannt. Beginnen wir mit einer Frage, die Sie bestimmt häufiger hören: Was hat man sich unter einem CFO vorzustellen?

Im Wesentlichen kümmere ich mich um Dinge, die man als Fan nicht immer mitbekommen kann, die aber trotzdem ordentlich erledigt werden müssen. Dazu gehören unser Onlineauftritt oder Projekte wie meinBVB.de, alle Tätigkeiten außerhalb des sportlichen, rechtlichen und presseöffentlichen Tagesgeschäfts und mein Kerngebiet Finanzen, also: Liquiditätssteuerung und -erweiterung, Kostensteuerung und all die weiteren Aspekte, die für Fans meist nicht ganz so spannend scheinen. Wenn Sie wollen, handelt es sich um eine Art Innenministerfunktion in Abgrenzung zu Herrn Watzke, der Borussia Dortmund als Gesicht nach außen repräsentiert.

Können Sie das an einem Beispiel veranschaulichen?

In Ihrem Forum kann man grundsätzlich ganz gut nachlesen, wenn in unserem Hause etwas nicht ganz glatt läuft. Als die Diskussionen über Probleme mit der Tickethotline nicht abreißen wollten, ließ ich mir die Zahlen über systembedingte Abbruchquoten geben und fand diese mit rund 40 Prozent um ein Vielfaches zu hoch. Also haben wir das System überarbeitet und die Abbruchquote unter fünf Prozent gesenkt, was bei bis zu 40.000 Anrufern am Tag ein schöner Erfolg ist.

Neben Hans-Joachim Watzke stehen auch die Herren Dr. Rauball, Zorc und Klopp regelmäßig im Blitzlichtgewitter. Stört es Sie nicht, dass Ihre Leistung außerhalb der Wirtschaftspresse eher stiefmütterlich behandelt wird?

Die Menschen lieben Borussia Dortmund für den Fußball. Und für diesen sind natürlich die Spieler, der Trainer, der Sportdirektor oder im Fall Herrn Watzkes auch der zuständige Geschäftsführer die Ansprechpartner. Der Finanzchef steht grundsätzlich nicht im Fokus bzw. er sollte es nicht tun, da in diesem Fall meist Sorge angebracht wäre. Außerdem habe ich mich schon immer als aufgabenorientierten Menschen gesehen – ich habe sicher meinen Beitrag zu den Entwicklungen der letzten Jahre geleistet, aber nie die Eitelkeit entwickelt, mich dafür in diversen Gazetten sehen zu müssen.

Es kann sich darüber das Gefühl einstellen, dass manche Fans und Medienvertreter die Herkulesaufgabe der Sanierung nicht zu schätzen wissen oder längst vergessen haben.

Wir sollten das nicht zu hoch hängen. Schließlich weiß heute fast keiner mehr, wer vor 40 Jahren Präsident bei Borussia Dortmund war und was er damals getan oder nicht getan hat. Eben dieses Schicksal werden irgendwann auch die Herren Dr. Rauball, Watzke und Treß teilen – das einzig wichtige wird dann sein, dass wir es hingekriegt haben. Ich selbst weiß, was ich beigetragen habe, und die Menschen im Verein wissen das wohl genauso, eine externe Bestätigung von Seiten der Presse braucht es da gar nicht.

Ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass das laufende Geschäftsjahr ganz nach Ihrem Geschmack sein dürfte. Etwa 13 Mio. Euro Ablöse für Nelson Valdez und Nuri Sahin kassiert, dazu Einnahmen aus der Europa League, gestiegene TV-Einnahmen, möglicherweise Erfolgsprämien von Seite der Sponsoren und die äußerst lukrative Champions League vor Augen – das sind schon ganz ordentliche Zahlen für eine regionale Marke…

Und wir haben diesen Erfolg sportlich wie wirtschaftlich erreicht! Statt hohe Rechnungen bis in die Ewigkeit zu bezahlen und neue Altlasten zu generieren, haben wir ein solides Fundament für die Champions League geschaffen – alles, was wir dort verdienen, dürfen wir auch behalten. Das ist für mich das Tollste an dieser Saison, und darauf bin ich stolz.

Was Werner Hansch und seine Aussage zur regionalen Marke Borussia Dortmund betrifft, lassen Sie es mich so ausdrücken: Wenn er als Blau-Weißer die Auffassung vertritt, dass Schalke eine nationale und Bayern München eine weltweite Marke sei, will ich ihm das nicht in Abrede stellen. Wenn man allerdings einen Blick auf die Studien wirft, wie sie beispielsweise Sportfive zur Fanverteilung der Bundesligavereine in Deutschland erstellt, ist dem Rest seiner Aussage schnell widersprochen.

Hanschs Aussage spricht aber nicht zuletzt für die neue Bescheidenheit, mit der Borussia Dortmund in Verbindung gebracht wird: Andere investieren Unsummen für den Gewinn der Champions League oder der ersten Meisterschaft nach Christi Geburt, der BVB setzt einen Fuß vor den anderen und feiert einen unwiderstehlichen Triumphzug.

(Lacht) Borussia Dortmund hat in leidlicher Erfahrung merken müssen, was passiert, wenn kurzfristiger sportlicher Erfolg mit langfristigen finanziellen Risiken einhergeht. Dieser Lernprozess ist tief verwurzelt in der KGaA, bei den Menschen, bei den Gremien. Natürlich wissen wir, dass wir dieses Jahr erfolgreich sind und nächstes Jahr Champions League spielen, wir haben aber aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und wissen ebenso, dass wir Borussia Dortmund langfristig und nachhaltig absichern müssen. Schließlich wird es wieder eine Zeit nach dem Erfolg geben, in der wir immer noch guten Fußball sehen und die Möglichkeit haben wollen, oben mitzuspielen.

Wenn wir allerdings glauben, eine Mannschaft auf Augenhöhe mit Manchester United zu brauchen und dafür weit mehr ausgeben, als wir wahrscheinlich Einnahmen in einer Gruppenphase der Champions League generieren, wäre das ein nicht mehr kalkulierbares Risiko. Irgendwann bliebe dann selbst ein in Stein gemeißelter Satz wie „Borussia Dortmund wird niemals untergehen“ keine Wahrheit mehr. Als gute Kaufleute akzeptieren wir die betriebswirtschaftlichen Erkenntnisse des 21. Jahrhunderts und werden uns weiterhin vernünftig verhalten.

Medienberichten zufolge ließ der BVB den Transfer Mustafa Aminis platzen, weil sich die vereinbarte Ablösesumme plötzlich vervielfachen sollte. Andererseits sollen für Lucas Barrios mehr als 20 Mio. Euro geboten worden sein, ohne dass sich eine Regung zeigte. Bei den Fans stießen beide Berichte auf einen eher positiven Tenor: Man dürfe sich nicht das Geld aus der Tasche ziehen lassen, mit Blick auf die Champions League aber auch nicht den großen Ausverkauf starten.

Sie werden mir sicher verzeihen, dass ich mich nicht zu Transferspekulationen im Einzelnen äußern und stattdessen auf die grundsätzlichen Abläufe beschränken werde. Diese sehen in der Regel zwei Abwägungen vor: Zunächst setzen sich die sportlichen Entscheidungsträger mit der Frage auseinander, was sinnvoll und notwendig wäre. Im zweiten Schritt folgt eine ökonomische Betrachtung, ob etwa die finanziellen Risiken zu rechtfertigen sind oder potenzielle Gebote den sportlichen Verlust aufwiegen können. Dabei betrachten wir natürlich auch die Marktlage, also welche Erlöse man im internationalen Wettbewerb erzielen kann. Wie wir es drehen und wenden, kommen wir immer bei einer Erkenntnis an: Wir können jeden Euro nur einmal ausgeben und Entscheidungen nicht alleine aus sportlichen Beweggründen treffen, wenn wir unserer Verantwortung als Kaufleute gerecht werden wollen. Es geht immer darum, das Beste im Sinne des Vereins zu machen.

Wenn Sie ein Beispiel möchten: Wir haben Alex Frei zu einem Zeitpunkt abgegeben, an dem er um Freigabe für einen Wechsel gebeten und nur noch ein Jahr Vertragslaufzeit hatte.Wenn Sie ein Beispiel möchten: Wir haben Alex Frei zu einem Zeitpunkt abgegeben, an dem er um Freigabe für einen Wechsel gebeten und nur noch ein Jahr Vertragslaufzeit hatte. Wir hielten es für wirtschaftlich vernünftig stattdessen Lucas Barrios zu verpflichten, der uns mit seinen 24 Jahren noch einige Zeit länger Freude machen könnte. Trotz allen Scoutings war das natürlich ein kleines Abenteuer, und die Fans hätten geschrien, wenn Barrios nicht eingeschlagen hätte – aber solche Risiken müssen wir dann gelegentlich doch eingehen.

Behalten Sie sich als Finanzchef ein Vetorecht vor, wenn es um Transfers bestimmter Größenordnungen geht?

Nein. Wir haben sehr großes Vertrauen untereinander und halten es langfristig für sinnvoll, dass jeder im Rahmen seiner Kompetenzen handelt. Das heißt: Herr Watzke und ich besprechen in regelmäßigen Abständen, welches Volumen aus Sicht des Finanzbereichs für Spielertransfers oder -gehälter zur Verfügung steht. Welche Transfers oder Gehaltsvereinbarungen daraufhin erfolgen, fällt in die Verantwortung der Herren Watzke und Zorc in enger Abstimmung mit dem Trainer. Ich will mich in diese Belange überhaupt nicht einmischen, weil ich sie nicht für meine persönliche Kompetenz halte und auf meine Kollegen vertraue.

Die Mannschaft lebte in dieser Spielzeit Ideale vor, die Sie für die gesamte Bundesliga als Devise ausgegeben haben: Attraktivität, Solidarität und Stabilität…

(Lacht) Es gibt also tatsächlich jemanden, der das liest!

Die Ziele sind sicher mehrheitsfähig, alleine an der Umsetzung scheiden sich die Geister. Wo verlaufen aus Ihrer Sicht die Konfliktlinien?

Die Konfliktlinien verlaufen dort, wo die handelnden Personen ihre Geschäfte eher kurzfristig in den Fokus nehmen, nicht aber strategisch oder langfristig im Sinne der gesamten Liga denken. Da haben sie ein Problem mit Vereinen, die den schnellen Euro ins Visier nehmen oder ihre Felle davon schwimmen sehen, weil sie keine starke Marke abbilden und keine allzu große Masse an Fans an sich binden.

Ich bin davon überzeugt, dass die DFL und insbesondere Herr Seifert die Situation erkannt haben und viele Clubs diese reflektieren, selbst wenn sie sich nicht öffentlich dazu äußern. Generell lassen sich Attraktivität und internationale Wettbewerbsfähigkeit nicht erhalten, wenn sich alle nur um ihre eigenen Erfolge kümmern und die Themen Marke und Fanbindung hinten über fallen lassen – konkret werden wir in zwei Jahren sehen, wie sich die Liga bei der Neuverteilung der TV-Gelder entscheiden wird.

Vor wenigen Tagen kommentierte Christian Seifert Jogi Löws Aussage, die Bundesliga hinke der englischen und spanischen Liga hinterher, entsprechend deutlich. Er warf die Frage auf, ob sich Löw mit diesen Ligen nicht die falschen Vorbilder genommen habe.

Mit seiner Aussage zielte Herr Seifert wohl darauf ab, dass in diesen Ländern Erfolge mit sehr viel Geld externer Investoren realisiert wurden und sich viele Clubs hoch verschulden mussten, um mit der Entwicklung Schritt zu halten. Dabei ist es doch nichts als ein Pyrrhus-Sieg, sportlichen Erfolg vorweisen zu können, dafür aber mit höchsten Risiken die Stabilität der Clubs und einer ganzen Liga zu gefährden.

Die Bundesliga ist für ihr vernünftiges Handeln bekannt. Wir haben ein sehr gutes Lizenzierungsverfahren und mit der solidarischen Verteilung der TV-Gelder eine hervorragende ökonomische Basis, die uns in den nächsten Jahren Vorteile im internationalen Wettbewerb verschaffen wird – so haben wir Italien in der 5-Jahres-Wertung bereits überholt und liegen nicht mehr allzu weit hinter Spanien zurück. Insofern kann ich Herrn Seifert nur Recht geben und muss Herrn Löw die Frage stellen, wie er ein solches Urteil ohne jede Reflexion ökonomischer Hintergründe fällen kann.

Bei der Verteilung der TV-Gelder dürfte es auch interessant sein, die Einschaltquoten zu betrachten. Wenn Spiele wie Leverkusen – Hoffenheim am 31. Spieltag nicht einmal 1000 Zuschauer interessieren, drängt sich zumindest die eine oder andere Frage auf.

Die Attraktivität der Bundesliga ist geknüpft an starke Marken mit hoher Identifikationswirkung: Vereine wie der FC Bayern, Borussia Dortmund oder der HSV schaffen das mit Leichtigkeit, aber auch Borussia Mönchengladbach, der 1. FC Köln oder der 1. FC Nürnberg gehören zu dieser Riege. Sie leisten ihren Beitrag, indem sie bundesweit die Stadien füllen und ihre Fans beispielsweise dazu bewegen, TV-Abos zu kaufen.

Man kann diese Leistung nicht auf Dauer ignorieren und das sportliche Abschneiden als einzige Richtgröße anerkennen. Diese Verteilung ist nicht verursachungsgerecht und entspricht auch nicht unserem Solidargedanken, fair miteinander umzugehen und keine massive Wettbewerbsverzerrung abzubilden. Einzelne Clubs über die Maßen mit Geld zu versorgen, sportlich zu pushen und hierüber die publikumswirksamen Vereine mit weniger Mitteln zu verdrängen, wird langfristig nicht funktionieren. Kurzfristig wird es uns aber auch nicht weiterbringen, bestimmten Vereinen Geld wegzunehmen.

Die Lösung wird am Ende darin liegen, das Volumen der nächsten Verhandlungsrunde mit dem jetzigen zu vergleichen und zum Beispiel den über den Status Quo hinausgehenden Betrag anhand der Fanbindung zu verteilen. Auf diese Weise könnten strategisch langfristig alle Vereine dazu gebracht werden, ihre Marke zu schärfen und mehr für ihre Fans zu tun. Auch wäre dieses Vorgehen fair, weil es niemanden ausschließen würde. Warum sollten Hoffenheim oder Wolfsburg nicht auch an einem solchen System partizipieren dürfen, wenn sich Menschen für ihre Spiele interessieren?

Nur eine Gefahr sehe ich sehr deutlich: Wenn Vereine mit viel Geld und sportlichem Erfolg denen mit großer Anhängerschaft dauerhaft das Wasser abgraben, werden sich letztere nicht mehr lange dazu in der Lage sehen, sich solidarisch zu verhalten – vielleicht nicht einmal Bayern München.

Fortsetzung: “Financial Fairplay hat Schlupflöcher, aber das Korsett wird immer enger”

Erschienen 2011 bei schwatzgelb.de.

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